Exklusiv-Interview

Warum Remo Fyda sich über schlechte Bewertungen freut – und Vertrauen sich nicht kaufen lässt

Marketing ist Chefsache · Ausgabe 01

Der ProvenExpert-Gründer im Interview über Markenaufbau, echte Kundenbewertungen und die Frage, was Vertrauen heute kostet

Remo Fyda gehört zu den Pionieren der Online-Bewertungen in Deutschland. Mit ProvenExpert hat er eine der größten Bewertungsplattformen im deutschsprachigen Raum aufgebaut: 1,7 Millionen Nutzer, von denen 70 Prozent ohne Werbebudget zu ihm kommen. Bis das Unternehmen profitabel war, dauerte es allerdings acht Jahre – zeitweise verbrannte es 500.000 Euro im Monat. Für Fyda war das kein Umweg, sondern der Preis dafür, dass sein Siegel heute überhaupt etwas wert ist. Denn Zeit, Geld und Authentizität lassen sich seiner Erfahrung nach nicht abkürzen. Im Gespräch mit Jonas Eisert, Gründer der Münchener Marketing Gruppe, erklärt er, warum ein Siegel, das sich ein Unternehmen selbst ausstellt, nichts wert ist, weshalb er sich über schlechte Bewertungen freut und was passiert, wenn online niemand mehr etwas glaubt. 

Ein Gespräch über Glaubwürdigkeit, echtes Kundenfeedback – und die Erkenntnis, dass Vertrauen sich nicht kaufen lässt.

Interview:

Jonas Eisert

Datum

Januar 2026

Lesezeit
ca. 8 min.
Original-Gespräch ansehen
Inhalt des Interviews
Gesprächsgast

Wolfgang Grupp

Ehemaliger CEO · Trigema GmbH
Geb.
1942, Burladingen
Branche
Textilherstellung
Philosophie
100 % made in Germany
Mitarbeiter
ca. 1.200
Auszeichnungen

Bundesverdienstkreuz
u.v.m.

Remo, du hast ProvenExpert 2012 mitgegründet. Wie ist die Idee entstanden?

Ich komme ursprünglich aus dem Agenturgeschäft. Ich habe Medieninformatik studiert, direkt nach dem Diplom in einer inhabergeführten Agentur in Hannover gearbeitet und danach mit zwei Geschäftspartnern eine eigene Agentur gegründet, Neoscope. Irgendwann kam ich an einen Punkt: 1993 hatte ich das erste Mal eine Webseite programmiert und dafür Geld bekommen. Ich war also lange im Business und hatte die Nase voll davon.

Dann ist Jürgen Jaron auf mich zugekommen, der Gründer der MAGIX AG. Die saßen an einem Projekt – eigentlich aus der Not heraus: Sie hatten weltweit 45.000 Trainer und Coaches, die ihre Produkte und ihre Software geschult haben, und wollten von diesen Trainern und Coaches endlich ein qualifiziertes Feedback bekommen. Jürgen und Dieter kamen auf mich zu und fragten: Hast du nicht Lust, einzusteigen? Am Ende habe ich gesagt: Mache ich gerne – aber wir brauchen einen anderen Namen, und wir machen das nicht nur für Trainer und Coaches, weil der Bedarf eigentlich für alle Dienstleister und alle Experten da ist.

Ihr habt 2012 gegründet, wart aber erst 2020 das erste Mal profitabel. Warum hat das acht Jahre gedauert?
Ich kann dir ganz genau sagen, wann wir Break-even waren: drei Monate nach Corona, also Juli 2020. Wir haben nämlich von dem Wachstumsmodell umgestellt, bei dem wir monatlich zwischen 250.000 und 500.000 Euro verbrannt haben, um größer zu werden. Wir haben auf ein Break-even-Modell geswitcht: Marketing zurückgefahren, ein bisschen an den Kosten geschraubt – und waren drei Monate später Break-even. Wir wären auch schon vorher profitabel gewesen, das wäre jederzeit möglich gewesen. Aber die Strategie war natürlich zu wachsen – und ist es ja immer noch.
Wie fühlt sich das an, zu wissen: Meine Firma macht jeden Monat Minus – und zwar nicht zu wenig?

Am Anfang hatte ich meine Schwierigkeiten damit, weil ich aus dem klassischen Unternehmertum komme: nie fremdfinanziert, keine Investoren, alle Businesses davor eigenfinanziert. Hier war es ein bisschen anders. Bei mir im Büro hängt heute noch ein Einhorn an der Wand. Das war unsere Perspektive, unser Traum von damals: ein Unicorn in Deutschland zu gründen.

Heute habt ihr 1,7 bis 1,8 Millionen Nutzer. Was ist dein Geheimnis?
Frag die Nutzer. Es ist wirklich ein harter Weg, aber ich kann sagen: Wir gewinnen 70 Prozent unserer neuen Nutzer organisch – ohne Performance-Budget, ohne Marketing-Budget. Da haben wir einen großen Vorteil: Unsere Nutzer melden sich auf der Plattform an und fragen ihre eigenen Kunden um Feedback. Und viele Geschäftsleute haben natürlich auch Geschäftsleute als Kunden, für die das ebenfalls interessant ist. Die machen also Marketing für uns, indem sie ihre Kunden einladen. Der zweite Punkt: Du hast verschiedene Widgets und Siegel, die du auf deiner Webseite und deinen Social-Media-Kanälen einbindest – das ist alles Werbung für uns. Das ist der große Vorteil an dem Businessmodell.
Jeder kann sich ein Siegel ausdenken und auf die Website packen. Was ist der Hebel, damit eine Marke so viel wert ist, dass ihr Siegel überhaupt etwas zählt?
Zeit, Geld und Authentizität. Du brauchst eine gewisse Zeit, um ein Markenimage aufzubauen. Klar, du kannst einen riesigen siebenstelligen oder achtstelligen Etat nehmen und ins Marketing stecken – dann schaffst du es, eine gewisse Markenbekanntheit in deiner Nische zu erreichen. Aber die verpufft genauso schnell wieder, wenn das Marketingbudget weg ist. Marke bist du erst dann, wenn du dich über Jahre hinweg am Markt etablierst, dich mit deinen Kunden und Nutzern weiterentwickelst und dabei immer authentisch und immer ehrlich bleibst. Denn das gehört auch dazu, um als starke Marke wahrgenommen zu werden. Es nützt ja nichts, wenn du dir irgendein Siegel holst. Du kannst dir selbst ein Produkt ausdenken, du kannst dir selbst ein Siegel ausdenken – das haben schon einige gemacht – und es dir auf die Webseite packen. Das mag in der Conversion-Optimierung für ein paar Prozent im Funnel funktionieren. Aber für die Leute, die wirklich hinschauen, die ein bisschen emanzipierter und etablierter sind, nicht.
Dein Produkt lebt online – trotzdem investiert ihr viel in Messen und Sponsoring. Warum?

Da kommt ja auch Marke hin. Wir machen Sportsponsoring, wir sind Sponsor der Eisbären Berlin, wir haben Rennfahrer in der NASCAR-Serie gesponsert. Wir haben viel im Sportbereich gemacht, aber natürlich auch viel bei Messen und Veranstaltungen, wo dich Leute wahrnehmen. Das ist der Unterschied zwischen einer Online-Marke und einer real existierenden Marke: Ach, ProvenExpert, mit denen wollte ich mal sprechen – und die sind auch schon wieder hier auf der Messe, da waren sie letztes Mal auch. Du schaffst eine Wiedererkennung. Es gibt diesen Spruch: 

„Die Aufmerksamkeitsspanne des normalen Webseitenbesuchers ist kürzer als die einer Hauskatze."

Die scannen die Webseite, und jeder Wettbewerber ist nur einen Klick entfernt. Es braucht teilweise 20 Touchpoints, bis sich bei mir jemand registriert oder überhaupt einen Bezug zur Marke hat.

Und was ist der erste Schritt für ein Unternehmen, das sich diese Reputation aufbauen will?

Zum einen: einen standardisierten Prozess im Unternehmen einführen. Ganz, ganz wichtig ist, dass ihr eure Kunden fragt. Ich gebe dir mal dieses Beispiel: Stell dir vor, du bist mit deinem Partner oder deiner Partnerin essen im Restaurant. Das Essen ist gut, der Kellner ist freundlich, du kriegst die Rechnung, der Preis passt – dann kommst du eigentlich nicht auf die Idee, eine Bewertung zu schreiben. Jetzt drehen wir das Ganze mal um: Der Kellner hat vielleicht einen schlechten Tag, oder der Koch ist verliebt und hat das Essen versalzen, und dann kriegst du noch eine überteuerte Rechnung – da bist du eher geneigt, eine Bewertung zu schreiben.

Und genau das passiert da draußen auch. Wir sind Menschen, wir machen auch mal Fehler. Und wenn dann so ein Fehler passiert und der Kunde schreibt irgendwo etwas, dann bleibt das – die kriegst du nicht mehr weg. Aber wenn du vorher schon deine Reputation aufgebaut und dir Feedback geholt hast, dann stört dich diese eine Bewertung auch nicht. Deswegen ganz, ganz wichtig: Fragt eure zufriedenen Kunden und Nutzer und startet damit. Und du musst nicht immer warten, bis der Vertrag oder die Leistung abgeschlossen ist. Du kannst ein Beratungsgespräch genauso bewerten lassen, ein Webinar, einen Auftritt auf der Bühne.

Der Moment wird kommen, in dem die ersten Unternehmen darüber nachdenken: Wieso mache ich nicht einfach einen KI-Kunden, der erzählt, wie toll meine Leistung ist? Was passiert, wenn wir gar nichts mehr glauben und niemandem mehr vertrauen können?

Dann haben wir ganz andere Probleme, um ganz ehrlich zu sein. Aber es kommt natürlich, und wir sind stark daran interessiert, das rauszufiltern. Ehrlich gesagt: 

„Wenn wir so weit sind, dass wir gar nichts mehr glauben können, dann kann ich die Plattform auch zumachen."

Ich glaube, authentisches Kundenfeedback wirst du immer erkennen. Bei uns gibt es auch die Möglichkeit, Kontakt zum Bewerter aufzunehmen: Wenn ich dir jetzt eine Bewertung gebe, kann ich hinterher sagen, dass ich für Rückfragen bereitstehe. Du hast also immer einen Rückkanal. Aber das Problem ist natürlich da, gar keine Frage, und dagegen wirst du dich nicht wehren können. Das Einzige, was ich jedem Unternehmen sagen kann: Bleib authentisch. Wir haben schon so viele Sterne aufgehen sehen, die genauso schnell wieder verglüht sind. Ich glaube, langfristig setzen sich Authentizität und Ehrlichkeit immer durch.

Woran erkennt ein Kunde denn, dass Feedback echt ist?
Die Nachvollziehbarkeit, zu gucken, wo die Quelle ist. Wenn du bei uns ein Feedback gibst, kannst du dich zum Beispiel mit deinem Social-Media-Account verifizieren. Dann sehe ich bei Xing oder LinkedIn: Der Typ hat so und so viele Kontakte, das ist seine aktuelle Position, ich komme direkt auf sein Profil und kann das authentisch nachvollziehen. Das ist nicht die Bewertung wie auf einigen anderen Bewertungsplattformen – das war Klaus, das war Sabine, das war Uwe, und Uwe hat schon zwei Bewertungen abgegeben, und alle hören sich gleich an. Und was wir auch beobachten: dass Menschen sich immer häufiger zuerst die kritischen Bewertungen anschauen. Was waren die Kritikpunkte, und wie hat das Unternehmen darauf reagiert? Das ist der Schlüssel. Kunden sagen zu mir: Mensch, Herr Fyda, wir haben jetzt eine Vier-Sterne-Bewertung bekommen, was können wir denn machen? Und ich sage: Sei froh, das macht dein Profil erst authentisch.

Mit KI wird es immer einfacher, dass alle eine gute Webseite haben und Bewertungen sammeln. Wenn alle gut sind, sind gleichzeitig alle schlecht – die Frage ist dann nie, wie man es einigermaßen gut macht, sondern wie man es besser macht als alle anderen am Markt. Wie geht das?

Ich kann nur jedem empfehlen, seine eigene Reputation in die eigene Hand zu nehmen und sich ein Tool zu suchen, mit dem man arbeitet – ob das ProvenExpert ist, ob das Google ist oder mehrere, sei dahingestellt. Guckt auf jeden Fall mal ins Kleingedruckte: Wem gehören letztendlich die Bewertungen? Da haben wir einen ganz großen Unterschied gemacht, auch relativ früh am Markt, indem wir gesagt haben: eure Kunden, eure Bewertungen. Es gibt diese kleinen Stellschrauben, mit denen du dich vom Wettbewerb abheben und einmalig machen kannst – die musst du herausarbeiten, und das ist bei jedem Unternehmen so. Ich glaube auch, dass es der Schlüssel für langfristigen Erfolg ist, sich immer wieder neu zu erfinden, immer wieder zu schrauben und zu gucken: Was können wir anders machen, was können wir besser machen?

Remo, vielen Dank fürs Dabeisein – und für die vielen Einblicke ins Thema Kundenvertrauen und deinen Weg als Unternehmer.

Das vollständige Interview mit Remo Fyda findest du als Video auf dem YouTube-Kanal von Jonas Eisert.

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Führung durch Vorbild

Grupp hat nie mehr verlangt, als er selbst zu leisten bereit war. Führung ist tägliche Praxis, kein Titel.

Denken in Generationen
Wer nur an Quartale denkt, verrät die Menschen, die von seinen Entscheidungen abhängen.
Produkt vor Strategie

Kein Framework ersetzt tiefes Produktwissen. Wer sein Produkt nicht kennt, kennt sein Unternehmen nicht.

Persönliche Haftung
Echter Unternehmergeist bedeutet, das eigene Risiko zu tragen – ohne Fallschirm und ohne Abfindungspaket.

Was ist das Geheimnis von Trigema?

Ich musste den Wandel der Zeit rechtzeitig erkennen und entsprechend handeln.“

Probleme liegen nicht am Standort Deutschland, sondern an Unternehmern, die sie nicht erkennen.“