Marketing ist Chefsache · Ausgabe 01
Jochen Schweizer im Interview über Rückschläge, Resilienz – und warum echter Erfolg nichts mit dem Kontostand zu tun hat
Jochen Schweizer gehört zu den bekanntesten Unternehmern Deutschlands. Mit Erlebnisgeschenken hat er eine ganze Branche geprägt, sein Unternehmen verkaufte er für über 100 Millionen Euro an ProSiebenSat.1, als Juror bei „Die Höhle der Löwen“ kennt ihn das ganze Land. Was viele nicht wissen: Auf dem Weg dorthin stand er mehr als einmal vor dem Nichts. Im Gespräch mit Jonas Eisert, Gründer der Münchener Marketing Gruppe, erzählt der 68-Jährige von einem tödlichen Unfall an einer seiner Bungee-Anlagen, der ihn fast alles kostete. Von seiner ersten Bühnenrede, die grandios scheiterte. Und von einem Pitch in New York, nach dem er sich selbst versprach, mit seiner Idee 100 Millionen zu machen – zu einem Zeitpunkt, an dem er kaum noch seine Miete zahlen konnte.
Ein Gespräch über Scheitern, Comebacks – und die Frage, was am Ende wirklich zählt.
Datum
- Podcast
Inhalt des Interviews
Wolfgang Grupp
Bundesverdienstkreuz
u.v.m.
Viele Unternehmer sprechen gern über ihre Erfolge. Ich glaube aber, dass man aus den Misserfolgen oft noch viel mehr lernen kann. Was waren denn deine größten Misserfolge?Viele Unternehmer sprechen gern über ihre Erfolge. Ich glaube aber, dass man aus den Misserfolgen oft noch viel mehr lernen kann. Was waren denn deine größten Misserfolge?
Michael Jordan hat einmal sinngemäß gesagt, er habe rund 15.000 Würfe danebengesetzt, um 300 Mal zu treffen – und genau das hat ihn zum besten Basketballer gemacht. So ähnlich war das bei mir auch: Vieles ist erst einmal missglückt. Aber die meisten Menschen scheitern gar nicht – sie geben nur zu früh auf. Aus meinen Rückschlägen habe ich immer mehr gelernt als aus den Dingen, die mir gelungen sind.
Hast du ein Beispiel für einen großen Rückschlag – und für das, was du daraus gelernt hast?
Ich bin vor 17 Jahren zum ersten Mal als Redner auf einer Bühne gestanden – mit 50 Jahren – und bin grandios gescheitert. Meine Mitarbeiter hatten für die Messe Augsburg eine Buchung über 3.000 Euro angenommen, ich war noch nie als Vortragsredner aufgetreten. Ich hielt einen Vortrag über die Ureinwohner von Vanuatu, die seit Jahrhunderten von 30 Meter hohen Bambusgerüsten springen, nur mit Lianen gesichert. Die Rede war zusammenhanglos, das Thema hat niemanden interessiert. Während ich sprach, verließen die Leute ihre Plätze – ich habe ein Drittel meines Publikums physisch verloren. Die Höchststrafe für einen Redner.
Ich konnte danach nachts nicht schlafen und recherchierte um vier Uhr morgens: Wie hält man eine gute Rede? Ich stieß auf eine Präsentation mit einer Handynummer und rief um sechs Uhr an. Eine verschlafene Stimme: „Wissen Sie, wie viel Uhr es ist?“ – „Ja, sechs Uhr. Aber wenn Sie nicht hätten angerufen werden wollen, hätten Sie Ihr Handy ja wohl ausgeschaltet.“ Pause. „Da haben Sie vielleicht recht.“ Ich buchte das Coaching, wir arbeiteten die halbe Nacht durch. Seither habe ich rund 1.500 Vortragsreden gehalten und bin heute einer der bestbezahlten Redner Deutschlands. Das zeigt, dass man aus schweren Niederlagen gestärkt hervorgehen kann.
Was ist für dich die grundsätzliche Denkweise, um mit Niederlagen umzugehen? Denn die bleiben einem Unternehmer ja nie erspart.
Ich würde es nicht Niederlage nennen, sondern Rückschlag – und der ist etwas völlig Normales. Diese Setbacks hast du im Leben immer wieder, und letztlich geht es um die Frage: Bist du in der Lage, dich resilient zu verhalten? Resilienz kommt aus der Physik: die Fähigkeit eines Körpers, nach einem Impact aus eigener Kraft in seine ursprüngliche Form zurückzuspringen. Ein Schwamm ist resilient, eine Coladose nicht – die bleibt verknittert. Bei Menschen ist es genauso, und diese Technik kann man lernen. Antifragil ist man, wenn man nach einem harten Impact sogar stärker wird als vorher – so wie beim Training der Muskel wächst.
Das ist ja leichter gesagt als getan. Wenn ich an mir und an meinem Unternehmen zweifle – wie setze ich das aktiv um?
Ich hatte 2004, nach der großen Krise durch den tödlichen Unfall in Dortmund, die Idee, ein völlig neues Handelsprodukt zu erfinden: die Erlebnisgeschenkbox. Ich fand aber keine Investoren. Meine letzte Chance war ein Pitch in New York. Ich präsentierte meine Idee vom Handelsgeschäft ohne Wareneinsatz – dass es viel nachhaltiger ist, Erlebnisse zu verschenken als Gegenstände.
Nach der Hälfte stand einer der Investoren auf und sagte: „Wissen Sie, junger Mann, auf Ihrer Suche nach Geld für diese verrückte Idee werden Sie auf einen Haufen Leute treffen, die zwei Dinge haben, die Sie nicht haben.“ – Geld und Zeit. Beides hatte ich nicht. Daraus habe ich gelernt:
Du kannst einen Pitch nicht verlieren, nur gewinnen.
Geholfen hat mir das im Moment nicht. Ich flog zurück, fuhr nachts an die Regattastrecke und legte mein altes Rennkajak aufs Wasser. Ich paddelte und wurde innerlich ganz ruhig. Danach schaute ich in den Spiegel und versprach mir: „100 Millionen werde ich mit dieser Idee machen.“ Hätte mich damals jemand gehört, hätte er sich totgelacht – ich hatte Schwierigkeiten, meine Miete zu zahlen, weil ich alles verkauft hatte, was ich besaß, damit das Unternehmen nicht pleitegeht. Das ist eine Resilienztechnik: Wenn du an dir zweifelst, tust du bewusst etwas, das du richtig gut beherrschst. Dann überschreibst du diese Erfahrung [des Misserfolgs] mit einer Erfahrung der Kompetenz. Aber du darfst nicht nur denken – du musst ins Handeln kommen.
Ich würde gern über den Unfall 2003 sprechen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, wenn auf einer deiner Anlagen ein Mensch stirbt. Wie bist du damit umgegangen?
Es hat mich in jeder Beziehung niedergeschmettert. Aber die Dimension meines Leids ist nichts gegen die der Eltern, die einen 32-jährigen Sohn verloren hatten – mein Leid war ein Tropfen in einem Ozean von Leid. Es gibt nichts Schlimmeres, als ein eigenes Kind zu verlieren.
Es gab einen technischen Defekt an einem der Seile. Ich habe um 17:05 Uhr von dem Unfall gehört, und um 17:06 Uhr ging der Rundruf raus: Alle 40 Anlagen schließen. Die Konsequenzen habe ich überhaupt nicht bedacht; der Preis hat mich nicht interessiert. Der Unfall hat dann alles aus meinem Leben gefegt, was nicht hineingehörte – die Beziehung, die Villa, die Autos. Ich wog nur noch 63 Kilo und dachte, ich sei am Ende. Dann stellte ich fest, dass ich unversehrt geblieben war: Ich hatte noch meinen Kopf und meinen Willen. Da bin ich aufgestanden und habe mein Leben neu gestaltet.
Wir haben jetzt viel über Rückschläge gesprochen. Zum Glück gab es auch sehr erfolgreiche Zeiten. Was macht für dich Erfolg aus?
Es kann ja sein, dass extrem erfolgreiche Menschen in Wirklichkeit ganz arme Menschen sind. Unternehmerischer Erfolg entsteht aus Wertschöpfung – indem du einen Wert schöpfst, der vorher nicht da war, oder ein Problem löst. Mein Erfolg fußt darauf, dass ich eine Lösung für eine Frage gefunden habe, die sich jeder mindestens 5 Mal im Jahr stellt: Was schenke ich? Eine Studie der Cambridge University zeigt: Über die Zeit sinkt die Zufriedenheit über einen Gegenstand, während sie über ein Erlebnis steigt. Wer Erlebnisse verschenkt, macht sich in der Erinnerung des Beschenkten unsterblich.
Das habe ich propagiert – und dann demokratisiert. Ich habe das Erlebnis für jeden, jederzeit und hochkonvenient verfügbar gemacht. In dieser Demokratisierung des Erlebnisses und der Systematisierung seiner Produktion habe ich einen Mehrwert geschaffen. Wir sind jeden Morgen mit dem Sinn aufgestanden, das Leben von Millionen Menschen durch Erlebnisse zu bereichern. Das war eine geile Zeit.
Gute Ideen bringen wenig, wenn niemand von ihnen weiß. Wie hast du es geschafft, dass so viele Leute davon erfahren?
Indem ich Geschichten erzählt habe und in die Medien gegangen bin. In der analogen Zeit hat das nur mittelmäßig funktioniert – ich habe schon Mitte der 90er-Jahre mit dem analogen Geschäftsmodell angefangen. Durch die Digitalisierung kannst du dann aber Skaleneffekte realisieren und deine Reichweite skalieren.
Aber das Entscheidende ist Ethos, persönliche Glaubwürdigkeit.
Da draußen rennen so viele Leute herum, die vom Pferd erzählen und noch nie auf einem gesessen haben.
Glaubwürdigkeit heißt, selbst erlebt, selbst gemacht, selbst erlitten zu haben. Diese jugendlichen Coaches waren noch nie in einem Sturm.
Du hast nicht nur eine Firma, sondern viele Dinge parallel gestartet. Wie hältst du da überall den Fokus, ohne dass an einer Stelle alles auseinanderfällt?
Manchmal kam ich mir vor wie ein Jongleur im Zirkus, der Teller auf Stäben rotieren lässt. Es werden immer mehr, und irgendwann fängt einer an zu eiern, dann rennst du hin und gibst ihm wieder Schwung. Ich hatte immer einen Haufen Teller am Rotieren. Irgendwann habe ich gemerkt: Entweder werde ich schneller, oder ich halte weniger Teller am Rotieren. Ich habe mich für weniger entschieden.
Also gesund schrumpfen?
„Gesund schrumpfen“ will ich nicht sagen, aber die Menge macht das Gift. Du musst dir als Unternehmer überlegen: Warum mache ich das, und was sind eigentlich meine Ziele? Die meisten Gründer kennen ihren Businessplan, aber nicht ihre Unternehmerplanung – und die ist die wichtigere Frage: Was tue ich für mich selbst, wie stelle ich mir mein eigenes Leben vor? Diese Unternehmerplanung fußt auf der Lebensplanung. Nicht jeder Plan gelingt, aber ohne Plan gelingt nichts. Am Ende musst du deine Ziele hinterfragen: Sind das heilsame Ziele – oder schädliche für mein Sein? Dafür musst du wissen, wo deine Werte liegen. Jeder hat eine Vorstellung: frei sein, Vermögen haben, anerkannt sein. Erst wenn du deine Kernwerte kennst, kannst du ihnen deine Ziele zugrunde legen.
Was sind deine Ziele – warum machst du das alles, wo du finanziell überhaupt keinen Druck hast?
Mein Antrieb ist es, Wissen weiterzugeben. Viel Geld zu verdienen, ist nicht so schwer. Ich kenne viele Menschen, die unglaublich viel verdient haben, aber dafür einen hohen Preis bezahlt haben: körperlich am Ende, zerrüttete Familien, ein distanziertes Verhältnis zu den eigenen Kindern. Ich fühle mich nicht erfolgreich, weil ich Geld verdient habe, sondern weil mir das gelungen ist, ohne diesen Preis zu zahlen. Ich habe heute ein Bombenverhältnis zu meinen erwachsenen Söhnen – so etwas kann dir kein Geld der Welt kaufen.
Noch ein letzter Gedanke zum Thema Erfolg?
Erfolgreich zu sein ist das, was andere über dich denken. Sich erfolgreich zu fühlen, ist das, was du selbst über dich denkst. Jetzt entscheide, was du willst.
Jochen, vielen Dank für die tiefen Einblicke und die Offenheit.
Das vollständige Interview mit Jochen Schweizer findest du als Video auf dem YouTube-Kanal von Jonas Eisert.
Kernbotschaften
Führung durch Vorbild
Grupp hat nie mehr verlangt, als er selbst zu leisten bereit war. Führung ist tägliche Praxis, kein Titel.
Denken in Generationen
Produkt vor Strategie
Kein Framework ersetzt tiefes Produktwissen. Wer sein Produkt nicht kennt, kennt sein Unternehmen nicht.
Persönliche Haftung
Was ist das Geheimnis von Trigema?
Ich musste den Wandel der Zeit rechtzeitig erkennen und entsprechend handeln.“
Probleme liegen nicht am Standort Deutschland, sondern an Unternehmern, die sie nicht erkennen.“